90 Jahre in 270 Minuten

Keine Zeit für Langeweile: Das dreiteilige Melodrama „Das Adlon. Eine Familiensaga“ rast durch Hotel-, Familien- und Zeitgeschichte

Billie Wilder ist auch dabei, als fiktive Figur: Irgendwann, Anfang der 30er Jahre, als die Nazis gerade damit anfangen, die Straßen Berlins unsicher zu machen und Ausländer, Bohemiens und Linke zu verprügeln, bewirbt er sich kühn, aber vergeblich bei Hedda Adlon als Gigolo für den 5-Uhr-Tee.

Letzte Korrekturen, bevor die Klappe fällt: Regisseur Uli Edel bei der Arbeit am Set. Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach

Die hübsche Anekdote ist historisch natürlich Humbug. Denn es war das Berliner Grand Hotel Eden und – entscheidender noch – viele Jahre früher, dass der „rasende Reporter“ sein Journalistenhonorar als Eintänzer aufbesserte. Zeitgeschichtliche Genauigkeiten will der monumentale Dreiteiler, der in prachtvollen Kostümen und luxuriöser Ausstattung schwelgt, aber ohnehin nicht liefern. Lieber springt Uli Edel, bekannt auch als Regisseur von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ oder „Baader Meinhof Komplex“, von einem Histörchen und emotionalen Höhepunkt zum nächsten. So auch in dieser TV-Produktion, die 90 Jahre Hotel- und Zeitgeschichte in 3 mal 90 Minuten packt. Da gehen auch Sex, Intrige und Skandal nur im Schnelldurchlauf.

Viele der Anekdoten, die Rodica Döhnert dem routinierten Kolportage-Regisseur zugeliefert und an einem „drei Meter langen Schreibtisch“ zu einem vielgestaltigen Drehbuchbuch verdichtet hat, seien „fiktiv, aber möglich“, bestätigt sie. Ursprünglich hatte die Berlinerin einmal Regie studiert, sich dann aber sehr klar für den Beruf der Drehbuchautorin entschieden, erzählt sie: „Ich bin Geschichtenerzählerin – was ja von jeher Menschen sind, die am Feuer sitzen und einen heilsamen Impuls in die Sippe bringen.“

Zur Eröffnung zeigt Lorenz Adlon (Burghart Klaußner, r.) Kaiser Wilhelm II (Michael Schenk, l.) stolz sein Personal. Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach

Bereits 2007 hatte sie mit dem ARD-Zweiteiler „Das Glück am anderen Ende der Welt“ ein ähnliches XXL-Format für Nico Hofmanns Teamworx realisiert. Als Oliver Berben sie dann, 2010, mit der „Adlon“-Mini-Serie (s.Interview) beauftragte, habe sie sich einerseits damit beschäftigt, was in diesen 90 Jahren historisch relevant sei. Dann fragte sie sich „andererseits, wie schaffe ich es eine spannende fiktionale Geschichte zu erzählen, die ein Jahrhundert größter Widersprüche im Hier und Heute auflöst.“ Deshalb der lange Schreibtisch.

Dass dann am Set in den Studios in Berlin-Adlershof „zwei Welten aufeinander geprallt sind“, als sich Regisseur und Autorin an die konkrete Umsetzung des Epos mit der hochkarätigen Besetzung machten, dürfte niemanden wundern. Heute sagt Rodica Döhnert, so sei „ein Universum entstanden, auf das ich sehr stolz bin.“

Das beginnt, noch ganz faktisch, 1904 mit den Plänen von Lorenz Adlon zum Bau des Hotels. Und erzählt dann linear bis 1997, der Eröffnung des neu erbauten Hauses am Pariser Platz, die Geschichte dieses Ur-Berliner Grand Hotels aus dem Blickwinkel zweier Familien: Aus dem der Adlons mit Lorenz (Burghart Klaußner) und seinem Sohn Louis (Heino Ferch) sowie dessen zweiter Frau Hedda (Marie Bäumer). Und aus der Perspektive der erfundenen Familie Schadt, die durch Sonja Schadt (Josefine Preuß/ Rosemarie Fendel) sowie deren Eltern (Anja Kling und Wotan Wilke Möhring) und Großeltern (Sunnyi Melles und Thomas Thieme) vertreten wird.

Appell der Pagen: Jahre später kontrollieren auch Hedda (Marie Bäumer, m.) und Louis Adlon (Heino Ferch) täglich, wie sauber die Handschuh sind. Weiter hinten: Wotan Wilke Möhring. Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach

Die Fülle der Ereignisse, die in diesem Melodrama ineinander verwoben werden, ist jedenfalls überwältigend. Ähnlich häufig sind auch die Anlässe zum Weinen: In der Hotel-Lobby, rund um den einzigartigen Elefanten-Zimmerspringbrunnen, flanieren die Gäste und bewundern – wie wir Zuschauer – das luxuriöse Ambiente. Hinter den Kulissen aber ist Krise, fast wie Zuhause: Weil Großmutter Schadt nicht zulassen kann, dass öffentlich bekannt wird, dass ihre minderjährige Tochter Alma ein gemeinsames Kind mit dem Hotelpagen Friedrich bekommt, nimmt sie ihre Enkelin Sonja als eigenes Kind an. Und tritt damit einen ganzen Kosmos an denkbaren Beziehungsdramen los, die die folgenden neun Jahrzehnte bestimmen werden: Töchter, die ihre Mütter hassen. Frauen, die andere Frauen lieben. Mädels, die lieber unabhängig bleiben. Ehefrauen, die verlassen werden, die selbst verlassen und sich gleich wieder einen Neuen angeln. Frauen als Dienerinnen, Chefinnen oder Schlampen usw. usf. Und dann die Männer erst …! (kar)

Lesen Sie mehr: 

Interview mit dem Produzenten Oliver Berben

Das Adlon in der Filmgeschichte

Das Adlon im Netz

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Das Hotel Adlon im Netz

Das Adlon als Film – Ein virtueller Spaziergang mit Wotan Wilke Möhring mit erweitertem Videoangebot über die Filmcharaktere.

Das Adlon in echt– Die offizielle Website des heutigen Adlon, mit saisonalen Angeboten und Online-Buchung.

Menschen im Hotel – Hotels im Film. Die neue Filmstadt-Tour durch die Luxusherbergen Berlins führt natürlich auch ins neue Adlon. Nächster Termin: Freitag, 11.01.13, ab Februar jeweils am letzten Freitag eines Monats, 16:00 Uhr. Treffpunkt bei Anmeldung: filmstadt@filmstadt-berlin.de

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Das Adlon in der Filmgeschichte

Menschen im Hotel –  1932, mit Greta Garbo, John Barrymore und Joan Crawford u.a.

Die  “Mutter“ aller Hotelfilme wurde zwar komplett in Hollywood verfilmt, das zugrunde liegende Drehbuch stammt aber von der österreichischen Schriftstellerin Vicky Baum, die während der Weimarer Republik in Berlin lebte. Das Adlon, in diesem Film am ehesten noch an seiner charakteristischen Eingangsdrehtür zu erkennen, erstrahlt in der Marmor gewordenen Prächtigkeit eines Grand Hotels. Und wartet mit der gesamten Entourage des Hotelfilm-Personals auf, das sich um die verschiedensten Gäste müht: Hoteldirektor, Concierge, Page, Hotel-Dieb …

Hotel Adlon – 1955, mit Sebastian Fischer, Werner Hinz und (einer blutjunge) Nadja Tiller u.a.

Das Erste Haus am Pariser Platz wird zum Dreh- und Angelpunkt der (Berliner) Weltgeschichte: Geschickt verknüpft die Artur-Brauner-Produktion historische Ereignisse mit Episoden aus dem Alltag eines Grand Hotels. Aus heutiger Sicht etwas behäbig und in der Dramaturgie wenig überraschend, findet sich darin dennoch eine der zauberhaft-verschämtesten Szenen deutscher Filmgeschichte: Eine nackte Hoteldiebin öffnet ihren Pelz.

In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon – 1996, von Percy Adlon, mit Eva Mattes u.a.

Die semi-fiktionale Dokumentation beschreibt die Glanzzeit des Adlon aus der Perspektive der Nachkriegszeit. In (zum Teil) nachgespielten Szenen, mit historischen Fotos und Berichten von Zeitzeugen (Familie, Personal) entsteht ein schillerndes Bild von dem, was das Grand Hotel tatsächlich einmal gewesen war.

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Keine Angst vor großen Gefühlen

Foto: Moovie _ the Art of entertainment

Im Interview:

“MOOVIE”-Produzent Oliver Berben über die Dreharbeiten und die Finanzierung des Berliner Melodrams „Hotel Adlon. Eine Familiensaga“, das als hochkarätig besetzte, dreiteilige TV-Produktion an diesem Sonntag sowie am Montag und Mittwoch, jeweils um 20:15 Uhr  im ZDF läuft.

Herr Berben, abgesehen davon, dass Sie ein Hotel-Fan sind: Was hat Sie bewogen, gerade jetzt die Geschichte des „Hotel Adlon“ zu verfilmen?

Ich hatte schon länger diese Idee. Als Hotel-Fan, und noch mehr als Hotelfilm-Fan, wünsche ich mir schon lange, eine Mini-Serie darüber zu machen. Und zwar so, dass Zeitgeschichte aus der Sicht von Personen und Familien erzählt wird, über mehrere Generationen hinweg. Ich liebe das Thema Familie.

Sie haben den Film also von vorne herein als 3-Teiler geplant?

Eigentlich war er als 6-Teiler konzipiert, allerdings 6 x 45 Minuten, wie er im Ausland dann auch laufen wird. Von der Länge ist das dasselbe.

Er ist tatsächlich schon jetzt ins Ausland verkauft?

Ja, in drei Länder: Österreich, Frankreich und Spanien – was vor Ausstrahlung sehr ungewöhnlich ist. Aber ich habe einen guten Weltvertrieb.

Sie wollten unbedingt Uli Edel als Regisseur. Warum gerade ihn? Er gilt ja nicht unbedingt als Regisseur für Melodramen oder romantische Stoffe …

Ich wollte den Uli Edel unbedingt, weil ich an seiner früheren Fernseharbeit – wie zum Beispiel, „Nebel von Avalon“ – gesehen habe, dass der Mann keine Angst vor großen Gefühlen hat. Das ist in Deutschland oft so ein Ding, es wird ja schnell mit „schnulzig“ gleichgesetzt, wenn man sich auf Gefühle einlässt. Ich liebe Gefühle, und die Mehrzahl der Zuschauer auch. Außerdem wusste ich, dass er sich vor Jahren schon einmal mit dem „Adlon“ beschäftigt hat, was dann aber nicht realisiert werden konnte.

Lorenz Adlon (Burghart Klaußner, r.) und das Modell seines Lebenstraumes. Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach

Im richtigen Adlon haben Sie gar nicht gedreht, oder?

Wir haben im jetzigen Adlon nur 2 Tage gedreht. Das alte Adlon haben wir nachgebaut. Die Lobby mitsamt der halben ersten Etage und Aufzug im Studio in Adlershof in Berlin. Die Aussenfassade in den Bavaria Filmstudios in Bayern. Das mussten wir, denn egal, was wir sonst genommen hätten, es hätte nie wie das echte Adlon ausgesehen. So etwas ist natürlich für das Budget einer Fernsehproduktion normalerweise undenkbar, und hat leider auch ordentlich überzogen…  Es war aber keine Spielerei, sondern es ging darum, den Schauspielern und der Regie einen Raum zu geben, in dem sie sich austoben und ausprobieren konnten.

Und in Würzburg, was haben Sie da gedreht?

Nichts. Wir wollten da ursprünglich den Pariser Platz drehen, was aber nicht realisiert wurde. Wir haben das dann, wie gesagt, in den Bavaria Studios in München gemacht.

Vor dem alten Brandenburger Tor von Billy Wilders’ „Eins, zwei drei“?

Nein, leider nicht, sondern mit CTI. Es wurde nur die Fassade vom Adlon nachgebaut und die drei übrigen Seiten des Pariser Platz wurden per Computer eingestellt. Es standen dort riesige Greenscreens auf dem Platz.

Aber schwerpunktmäßig haben Sie doch in Berlin gedreht?

Von den Drehtagen gesehen, insgesamt 76, ja. Zehn Tage wurden in NRW gedreht, acht Tage in Bayern.

Deshalb auch die jeweiligen Landes-Förderungen …

Ja, sie bekommen sonst nicht deren Förderung. Der Film hat kapp 10 Millionen Euro gekostet. Maßgeblich finanziert durch das ZDF, in Verbindung mit den drei Landesmedienförderanstalten – Medienboard Berlin-Brandenburg, Filmstiftung NRW und fff-Bayern.

Was haben Sie denn in NRW gedreht?

Einige Innenaufnahmen und den ganzen Weinkeller des Adlon – ein wahnsinniges Originalmotiv in Köln-Ossendorf, in einem alten Industriegebäude.

Und das Adlon bzw. die Kempinski-Gruppe hat sich gar nicht finanziell beteiligt?

Nein, das ist nicht erlaubt. Es gibt eine Trennung zwischen Programm und Werbung. Ausserdem hätte es auch keinen Sinn gemacht: Die Kempinski-Gruppe macht das neue Adlon erst seit Ende der 90er Jahre.

Oliver Berben (42) ist Chef der „ç – the art of entertainment“-Produktionsfirma und zugleich einer der Geschäftsführer der Münchner Constantin Film Produktion GmbH. Neben der „Rosa Roth“-Reihe mit seiner Mutter Iris, produzierte er für das ZDF u.a. zwischen 2008 und 2011 verschiedene Remakes von Johannes Mario Simmel-Romanverfilmungen. 2009 realisierte er für das ZDF auch den TV-Dreiteiler „Krupp – Eine deutsche Familie“.

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Schon gehört …?

No Fear!

Verena Schilling und Jochen Cremer, die Produzenten von Little Thirteen, sind für den “No Fear Award” nominiert worden, der erstmalig im Rahmen der 13. FIRST STEPS Awards am 20. August 2012 in Berlin verliehen wird. Im Sinne des zentralen Mottos des 2011 verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger, einem der Gründerväter und maßgeblichem Wegbegleiter von FIRST STEPS, sollen mit dem No Fear Award ausschließlich Abschlussfilme von Nachwuchsproduzenten ausgezeichnet werden, die ihre Projekte mit Vision, Engagement und Risikobereitschaft umsetzen. (X-Verleih)

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Über Film: Film + Buchpräsentation

23.8.2012 | 18:00

Das Prinzip Neugier

Gesellschaftlicher Auftrag, künstlerischer Anspruch, enorme Ressourcen an Geld und Zeit, aber auch die Gefahr, dass die eigenen Arbeiten am Ende im Tresor verschwinden… In diesem Spannungsfeld entstanden zwischen 1946 und 1992 etwa 10.000 Filme im DEFA-Studio für Dokumentation. 20 Jahre nach dessen Abwicklung, geben nun  21 Dokumentarfilmschaffende Auskunft über dieses Stück deutscher Zeitgeschichte und ihre künstlerische Heimat. Zur Buchpräsentation in Anwesenheit der Autorinnen Ingrid Poss, Christiane Mückenberger und Anne Richter sowie der anschließenden Diskussion zeigt das Filmmuseum Potsdam auch den 1973 entstandenen Fernsehfilm „Ändere die Welt, sie braucht es“, der das Werk und das politische Engagement des österreichisch-deutschen Komponisten Hanns Eisler beschreibt, der von 1949 bis zu seinem Tod in der DDR lebte. In Aussagen von Kollegen wie Paul Dessau, Ernst Busch und Helene Weigel wird deutlich, dass Eislers Werke und Ideen besonders im Musikleben der DDR weiter existierten.

Das Prinzip Neugier: DEFA-Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012. ISBN-10: 335501799X

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KinoKino

369 Kinos gab es Ende der 20er Jahre in Berlin, angeblich. Und von den 22, die noch im Jahr 2000 allein am Ku’damm geöffnet hatten, sind aktuell gerade mal zwei übrig: Astor Lounge und Cinema Paris. Und doch, wer jenseits aller Multiplexe und 3D-Paläste einen BerlinFilm sehen will, kann dies immer noch täglich. Unter den rund 90 Berliner Kinos von heute gibt es ein paar, die sich rührig und regelmäßig den Filmen widmen, deren Bilder diese Stadt immer wieder neu erfinden. Hier stellen wir diese Kinos vor.

Zukunft 

Ob das Zukunft mit seiner Namensgebung tatsächlich die Zukunft der Berliner Kinos im Blick hat? Wer weiß das schon. Vieles spricht dafür, einerseits: Die nonchalante Atmosphäre, die das Gelände des ehemaligen Progress Filmverleihlagers zu einem entspannten Treffpunkt macht – mit Biergarten, Bar und Bildersaal.

Laufende Bilder gibt es seit Herbst 2011 in zwei Säle, 3 + 4, die von einem hinter dem Vorhang versteckten Gang abgehen. Es sind kleine, niedrige Räume, im schlichten, fast privaten Ambiente. “Alles hier drin war vorher irgendwo anders”, verriet Programmleiter Werner Gladow (Künstlername) dem TIP im Febraur , “die Tapeten kommen aus einem Kraftwerk, die Deckenleuchten waren vorher in einem Krankenhaus in Neukölln…”

Anderseits ist die Aussicht nicht ganz so prickelnd, einen Film in Zukunft nur noch in solcher Art Schuhschachtel mit durchgesessenen Sesseln zu gucken; Seite an Seite mit fremden Menschen, die sich, an ihren Bierflaschen nuckelnd, hier ganz furchtbar heimelig wohlfühlen. Popkorn gibt’s keines, glücklicherweise. Dafür Chips in knisternden Tüten.

Es läuft Werbung, politisch korrekte, natürlich – für fair gehandelte Waren und Menschenrechte. Dann kommt der Film, wie zuvor schon der Kino-Vorhang, vom Beamer auf die nackte Wand. Das Programm gestaltet das Künstlerkollektiv, das auch die Tilsiter Lichtspiele in Friedrichshain betreibt: Indie-Filme, woanders selten oder gar nicht zu sehen. Interessante Dokumentationen. Und aktuelle, gerne experimentelle BerlinFilme, bis hin zu Low-Budget-Produktionen. Das lohnt sich auf jeden Fall, meistens

Und auch das hat Charme: Die Karte kostet einheitlich 4,99 € an allen Wochentagen (zzgl. 30 ct Kulturabgabe). kar

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Alte Filme, neu gesehen: Ein toller Film #001

Eins, zwei, drei

„Unter uns, Schlemmer: Was haben Sie eigentlich während des Krieges gemacht?“– „Ich war in der Untergrund, in the underground.“ – „Also Widerstandskämpfer?“ – „Nein, Schaffner, in der Untergrund, in der U-Bahn.“ – „Und natürlich waren Sie kein Nazi und nie für Adolf!“ – „Adolf? Welchen Adolf?“

Es soll immer noch Leute geben, die nicht wissen, was „Eins, zwei, drei“ ist. Immer mehr aber lassen sich nicht mehr fragen, ob sie diesen tollen Film schon einmal gesehen haben, sondern nur: Wie oft?

Ein Mal reicht nämlich nicht, um alle Gags und Anspielungen zu erkennen, die Billy Wilder in seinem letzten BerlinFilm versteckt. Beim ersten Mal ist man noch zu benommen. Von dem Atem raubenden Tempo der Handlung. Von den Witz sprühenden Dialogen. Und von dem heißesten tabledance der Filmgeschichte. Ist es wirklich Liselotte Pulver, die da lodernd ihre Hüften schwingt?

Erst beim zweiten Blick bemerkt man: Der Lippenstift der Gedächtniskirche ist – im Sommer ’61 – noch im Bau. Kurios, warum die Limo über die Budapester Straße fährt, wenn sie doch eigentlich von Zehlendorf nach Tempelhof will. Und überhaupt: Wie geht ein Aufzug glatt durch die Hallentreppe, ohne dass das ganze Haus, die ganze Firmenzentrale, zusammenbricht?

In der Hauptsache geht es in diesem BerlinFilm natürlich um etwas anderes, wenn der hübschen Scarlett  das allerschönste „Wow“ entfährt: Gerade 17 geworden, hat sich die reiche Tochter des obersten Coca-Cola-Bosses in Otto Piffl verliebt – einen wilden „Kulturbolschowiken“ aus Ost-Berlin. Als Papas Flieger dann von Atlanta Kurs auf die geteilte, aber noch durchlässige Stadt nimmt, gibt es für seinen Westberliner Statthalter MacNamara nur eine Lösung: Binnen weniger Stunden muss er den überzeugten Kommunisten in einen vorbildlichen Kapitalisten verwandeln. Das geht, in Anbetracht der Kürze der Zeit, eigentlich nur durch Zauberei. Oder – mit viel Personal und Aufwand – Finger schnippend: „Eins, zwei, drei!“ …

Der Erfolg der Komödie kommt nicht so schnell. Und erst später, viel später.

Mitten in den Dreharbeiten wird die Mauer gebaut. Das zentrale Drehmotiv am Brandenburger Tor wird nach München verlegt.  Dann verschwindet der Film, so gut wie ungesehen, in den Archiven, weil ihn keiner lustig findet.

Ein Vierteljahrhundert später wird er wiederaufgeführt – zu Berlins 750-Jahrfeier, im Beisein von Billy Wilder und den damals wichtigsten Coca-Cola-Bossen, die für die Feier im Anschluss diverse Hektoliter springen lassen, wohl nicht nur Cola. Das ist 1987. Die Kritik überschlägt sich vor Begeisterung. Und die Berliner finden endlich ihr vermauertes Lachen wieder: Ein volles Jahr, so heißt es, läuft die Komödie tagtäglich vor ausverkauftem Saal im Delphi. Und wird Kult.

Dass Berlins neue Coke-Manager den running gag ihres Vorgängers MacNamara, das Sixpack bis nach Moskau zu liefern, inzwischen verwirklicht haben, den Film aber gar nicht mehr kennen, ist eine ganz andere Geschichte. Ebenso, dass das Delphi-Kino, das jetzt zur Yorck-Gruppe gehört, sich 2011 nicht im Stande sah, eine Jubiläumsaufführung zum 50.Geburtstag des Films zu organisieren. Oder irgendeine andere Aktion, um den erfolgreichsten Film ihres Hauses noch einmal gebührend zu feiern. Glücklicherweise? gibt’s diese tolle Komödie auf DVD.  kar

Eins, zwei, drei – USA 1961, R: Billy Wilder, B: I.A.L. Diamond, Billy Wilder. Mit James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Lilo Pulver, Hanns Lothar u.v.a.


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